DAS STEHENDE SEIN

Multimedia-Opera
2019

(Video, Klang, Installation, Performance)                              

 ca. 38 Min.

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“Imagine, if you can, a small room, hexagonal in shape, like the cell of a bee. It is lighted neither by window nor by lamp, yet it is filled with a soft radiance. There are no apertures for ventilation, yet the air is fresh. There are no musical instruments, and yet, at the moment that my meditation opens, this room is throbbing with melodious sounds.”

The Machine Stops ist eine Science-Fiction- Kurzgeschichte von E. M. Forster, die 1909 erstmas veröffentlicht wurde. Forster beschreibt darin eine dystopische Gesellschaft, in der die Menschheit unter der Erde lebt. Alle Bedürfnisse werden hier von einer omnipotenten, global präsenten Maschine befriedigt. Für Mattia Bonafini und Luisa Eugeni wurde der Text und insbesondere die zitierte Eingangsszene ein wichtiger Impuls für ihre neue gemeinsame Arbeit: Das stehende Sein. Mattia Bonafini ist Komponist und Musiker. Luisa Eugeni hat wiederum umfängliche Erfahrungen im Bereich der Performance und Videokunst. Gemeinsam präsentieren sie eine multimediale Oper – ein eindrückliches und alle Sinne ansprechendes Raumerlebnis, das Videoprojektionen, Musik und performative Elemente verbindet. Wichtig war für beide die Zusammenarbeit mit vielen weiteren Akteuren. Die Installation wird beispielsweise zur Eröffnung und an zusätzlichen Terminen um eine Performance mit Tänzern erweitert, für die spezielle Latex-Kleider als zweite Haut entworfen wurden. Das Libretto, eine Art Metatext, stammt von dem Mathematiker Dominik Schindler, kombiniert durch Zitate des Philosophen Slavoj Žižek in griechischer Sprache.

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foto credits Rüdiger Lubricht

Doch was ist zu sehen: Drei aufrechtstehende Projektionsschirme zeigen Videosequenzen im Ausstellungsraum (ein Giebelraum, der gewöhnlich eine Klanginstallation von Hans Otte beherbergt). Drei gleichgroße Spiegel ergänzen an der gegenüberliegenden Seite die Inszenierung. Der Ort wird dadurch mehrschichtig gedoppelt und gespiegelt, gleichermaßen verdichtet und erweitert. Reale Performer und Personen im Videobild agieren nebeneinander ohne wirklich auf andere einzugehen. Begleitet wird dies von einer eindrücklichen Klangebene, die elektronische Musik, Posaune und Sprache, in vielfach modulierter Form miteinander verbindet, mal subtil und leise, mal überaus präsent und laut.

Die Notwendigkeit menschlicher Kommunikation, aber auch die Unmöglichkeit echter Beziehungen werden emotional spürbar. Die multimediale Installation ist damit nicht zuletzt eine gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit heutigen Entwicklungen, die in dem visionären, seinerzeit völlig fantastisch anmutenden Text von Forster anklingen. Im Libretto heißt es dazu passend: „Die Offenheit erschließt Überforderung: Durchlässigkeit der Gedanken, Zersplitterung und Marginalisierung von Sein. Zersplitterung von Gefühl, die Scherben der Realität. Verlust von Ganzheit. Input erzwingt Output – das Sein versagt an der Wahl sich selbst zu wählen.“

Text: Ingo Clauß

Performance Im Video

Asavela & Nobule Gabrielli 

Gabrio Gabrielli

Anna Jäger 

Alexandra Llorens

Antonio Stella

Live Performance 

Anna Jäger

Susanna Janke 

Kostüm

Sara Frede

Text

Dominik Schindler 

Video

Luisa Eugeni 

Musik

Mattia Bonafini

Konzept

Luisa Eugeni, Mattia Bonafini

Die Kostüme für Das stehende Sein sind in intensiver und experimenteller Beschäftigung mit Latex in diversen Qualitäten entstanden. Die, von der Designerin Sara Frede, entwickelte Technik, zeigt sich in inhomogener Form der Oberflächen, die den Raum und die Spannung der Figuren aufgreift.

foto credits Rüdiger Lubricht

GanzheitIn Wahrnehmung, in Realität.

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Die Realität bleibt durchlässig: Input in Hochfrequenz – Impulse, die Realität schaffen.

Keine Wahl.

Verfeinerung zu einer vollständigen Überdeckung der Wahrnehmung.

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Die Offenheit erschließt Überforderung: Durchlässigkeit der Gedanken, Zersplitterung und Marginalisierung von Sein. 

Zersplitterung von Gefühl, die Scherben der Realität.      Verlust von
Ganzheit. Input erzwingt Output – das Sein versagt an der Wahl sich selbst zu wählen.

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Die Scherben der Realität verlieren ihre Schärfe: Abrundung nimmt Kontur, das zersandete Sein –
verweht, verlebt. Überall. Ein Teil überall, das Ganze fehlt. Die Konzentration konvergiert gegen
ihr Infimum. Zustand ist schon allgemeiner Zustand, überall ist nirgendwo. Das Individuum als
Allgemeines. Ohne Wahl zwischen Wählen und nicht Wählen verliert das Sein sich selbst und die
Welt. Diktatur der Fragmente.

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Die Welt als Bündel der Fragmente: Offenheit von Raum und Verbund aller Räume implizieren Selbstreferenz aller Punkte. Alles ist offen, ein neue Topologie der Welt. Keine Grenzen. Vernetzung strebt gegen Vereinheitlichung im Prozess der Digitalisierung. Vervollständigung des
Netzwerks und alle Punkte sind äquivalent. Fragmente der Welt reduzieren sich zur defragmentierten Welt.

Die Welt verflacht.

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Wo das Individuum allgemein ist, kontrahiert die Welt zu einem Punkt. Hierarchien erodieren im Komplexitätsverfall. Das Allgemeine ist das Eine – Bewegung obsolet. 

Und ohne Bewegung verliert die Zeit ihre Berechtigung zu zeitigen. Stillstand.

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Nur noch Stille zeitigt. Im Punkt findet die Defragmentierung Stillstand. Die Diktatur der Fragmente endet in der Anarchie des Punkts.

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Im Stillstand zur Einsheit. Die stille Einheit.